Donnerstag, 25. August 2016

Arbeitslos.....

Gestern war ich abends mit meinen Hunden unterwegs und habe dabei im Feld zwei Reiter getroffen. Erst habe ich mich gefreut (ich kann nicht anders, ich mag einfach Pferde). Ihre Silhouetten sahen allerdings schon von weitem schmerzhaft aus. Das eine Pferd biss sich in die Brust, das andere trug die Nasenspitze konstant auf Höhe seiner Ohren – so hoch es das Martingal erlaubte, was ich beim Näherkommen dann erkennen konnte.

Die beiden kamen auf einem parallel verlaufenden Weg schräg auf mich zu. Der mit Gamaschen, Sprungglocken, Streichkappen, Vorderzeug und Pelham wie für den großen Preis ausstaffierte Schimmel ging im Pass, während der ebenfalls voll ausgerüstete kleine Sterngucker trabartig tänzelte. ESKADRON, stand in riesen Lettern diagonal auf den Schabracken.
Ich guckte weg, rief meine Hunde heran, dann guckte ich doch wieder hin. Die beiden waren fast neben mir, ich wollte wenigstens höflich grüßen. Ich sah zu den Reitern auf. Zwei Jungen im Alter von etwa vierzehn Jahren hockten beide bucklig im Stuhlsitz (wie kann man in so jungen Jahren nur solche Buckel machen?), in kurzen Hosen, selbstverständlich ohne Reithelm. Sie grüßten nicht zurück. Mein letzter Blick fiel auf die Sporen, befestigt an ihren Turnschuhen, und die Löcher im Fell des Schimmels.

Hätte mich an diesem Abend jemand gefragt, was ich beruflich mache, hätte ich geantwortet: „Arbeitslos. Ich bin arbeitslos.“

Mittwoch, 6. Juli 2016

So ein Hund ist auch nur ein Pferd. Oder?

Am vergangenen Wochenende war ich mich Fortbilden. Dabei habe ich nicht nur über den Tellerrand geschaut, sondern habe den sprichwörtlichen Teller gleich gegen eine Tasse getauscht und dabei viel über Geschirr als solches gelernt. Aber von Anfang an:

Ich war beim Seminar „Emotionen verstehen, Verhaltensprobleme lösen“ von Madeleine und Rolf C. Franck, welches sich nicht um Pferde, sondern um Hunde drehte. Die beiden betreiben die Hundeschule „Blauerhund“ in der Nähe von Bremen, bieten professionelle Verhaltensberatung für Hunde an, sind Autoren zahlreicher Fachbücher und überregional zu Seminaren unterwegs. Neben ihren überzeugenden fachlichen Qualifikationen habe ich die Familie Franck außerdem als sehr nette Menschen und witzige, kurzweilige Referenten kennen gelernt.
Wieso ich mich zu diesem Seminar angemeldet habe? Erstens mag ich einfach Hunde und interessiere mich für Hundeausbildung und wir haben natürlich auch selbst welche (welcher Reiter hat keine?!).  Ich habe an diesem Wochenende zahlreiche praktische Anregungen und Trainingsansätze für meine eigenen Hunde mitgenommen und verstehe nun auch rückblickend das „Problemverhalten“ vieler Hunde besser, die mir in meinem Leben schon so begegnet sind.

Zum anderen ist aber gerade auch als Pferdeausbilder die Herangehensweise der beiden Hundetrainer höchst interessant. Damit meine ich nicht (unbedingt) die „technische“ Seite des Trainings oder die üblichen Verhaltensprobleme, die Hunde in ihrem Alltag so haben können, denn ich kenne zum Glück kein Pferd, was beim Springen nervtötend zu bellen beginnt und auch keines, was ungefragt Autos hetzt.
Um was es geht: Nach dem EMRA (emotional moodstate + reinforcement assesment) Modell werden die Emotionen in der Problemsituation und der Erregungszustand des Tieres beleuchtet. Außerdem werden die allgemeine Stimmung, das „Wohlfühlbudget“ und seine zu befriedigenden Bedürfnisse und die individuell wirkenden Verstärker eingeschätzt, wobei oft das Gefühl der „Erleichterung“ eine zentrale Rolle spielt.

Dem ESTA-Ansatz (emotional systems therapeutic application)  zur Behandlung der Probleme liegt die Emotionstheorie nach Panksepp mit den Systemen Angst, Panik, Wut, generelle Motivation (Seeking), Fürsorge und Spiel zugrunde. Durch Beeinflussung dieser Systeme ergibt sich ein Rahmen zur Behandlung von Verhaltensproblemen.
Bei dieser Betrachtungsweise werden also nicht stumpf Symptome unterdrückt, sondern man versetzt sich in das individuelle Tier hinein und bemüht sich, seine Beweggründe zu verstehen.

Die Planung von praktischen Maßnahmen dreht sich in meinen eigenen Worten ausgedrückt um die Fragen: Wie fühlst du dich, was brauchst du, was fehlt dir? Was muss ich organisieren, damit du deinen Job für mich gut und gerne machen kannst? Wie lernst du LEICHTER, wie bewegst du dich leichter, was fühlt sich für dich leichter an? Oder aber wieso platzt dir der Kragen? Anstatt: Dir hat gefälligst der Kragen nicht zu platzen.
Manche der für Hunde vorgestellten Maßnahmen sind dann ganz simpel, wie etwa der Zeitpunkt der Fütterung, ein anderer Schlafplatz oder ein geringfügig geändertes Timing im Training. Manches sind Dinge, auf die man wirklich hätte selber kommen können. In anderen Fällen mussten mir aber wirklich erst die Augen geöffnet werden und die Faktoren sind vielschichtig.

Kommt uns das nicht ziemlich bekannt vor? Auch in der Pferdeausbildung entscheiden oft Kleinigkeiten über Erfolg oder Misserfolg des Trainings. Oft hilft uns der gesunde Menschenverstand, an anderer Stelle müssen wir als Reiter aber wirklich auch über unseren menschlichen Schatten springen und entgegen reflexartiger Verhaltensweisen handeln. Oft haben die „Altvorderen“ Recht, und man versteht im Nachhinein erst, wieso und wie sehr. Andere alte Zöpfe dagegen gehören abgeschnitten, weil es heute einfach neue Erkenntnisse gibt und die Lage des Freizeitpferdes einfach eine völlig andere ist als die des früheren Kriegspferdes beispielsweise.
Ich halte seit letztem Jahr das Seminar „Fütterung und Haltung im Hinblick auf die Losgelassenheit des Reitpferdes“ und es trägt den inoffiziellen Untertitel: „Ich kann so nicht arbeiten“. Wir thematisieren dabei diverse Faktoren aus dem Lebensumfeld des Pferdes, analog zum  „Wohlfühlbudgets“ aus dem Hundeseminar. Wenn gewisse Dinge in der Fütterung und Haltung schief laufen, ist losgelassenes Reiten schlicht nicht machbar.

Außerdem habe ich kürzlich eine Fortbildung zum Thema Prävalenz- und Palpationsdiagnostik von Gastrointestinalerkrankungen besucht (bei Constanze Röhm – auch sehr empfehlenswert!) und auch hier hat mich besonders fasziniert und weitergebracht, wie viele Faktoren aus dem gesamten Leben eines Pferdes man untersuchen sollte und wie exakt man Dinge tatsächlich messen, aufschreiben und zueinander in Beziehung setzen sollte.
Die Herangehensweise liegt mir also und das Hundeseminar hat in meinen Pferdeverstand einige Teile zusammengefügt, die ich in meiner praktischen Arbeit erlebe und mit einigen interessanten Fakten verknüpft, die ich aus anderen Fortbildungen oder der Literatur kenne. Es hat mir gezeigt, wo in meiner Arbeit mit Pferden noch Luft nach oben ist und ich habe mehrere Ideen mit nach Hause gebracht, welche Zusammenhänge ich recherchieren sollte. Sehr gerne würde ich mich dazu auch mit einem Pferdewissenschaftler austauschen (hat jemand Zeit und Lust?).

Besonders interessant ist dabei für mich zunächst die Sache mit der Angstentstehung und -Übertragung, wofür ich ein „perfektes Beispiel“ in meinem Ausbildungsstall stehen habe.
In der Zwischenzeit möchte ich euch das EMRA-Buch „Emotionen einschätzen, Hunde verstehen“ empfehlen (welches ihr hier bestellen könnt: http://www.cadmos.de/emotionen-einschaetzen-hunde-verstehen.html ).  Das Foto zeigt ein „Koordinatensystem“, in dem die Emotionseinschätzung aus einem Fallbeispiel eingetragen wurde.

Außerdem kann ich jedem Hundebesitzer (auch ohne „Problemhund“) und tatsächlich auch Reitern (mit genügend Vorbildung und Wille zum Verknüpfen – denn inhaltlich geht es dort natürlich nicht um Pferde!) die Teilnahme an dem Seminar bei Familie Franck empfehlen. Es findet dieses Jahr noch einmal statt, Informationen findet ihr unter www.blauerhund.de
Das Fütterungs- und Haltungsseminar bei mir findet nächstes Jahr im Mai wieder statt, Termin und Details findet ihr auf meiner Webseite www.andenhofstaetten.de

Ich wünsche euch viel Freude mit euren Vierbeinern, frohes Forschen und viel Fühlen! Bis bald!

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 P.S.: Was ich sonst noch gemacht habe, quasi privat:

- Während eines offenbar traumatischen Fußball-Länderspiels in aller Ruhe mit meinem jungen Hund Bo spazieren gegangen, ohne eine Menschenseele zu treffen, auch im Ort und im Hotel nicht.
- Als Fahranfänger Ferrari gefahren (mit einem Profi-Bodercollie durch einen Agility Parcours gelaufen. Fazit: Ich bin zu langsam, zu schusselig und irgendwie nur den Wendekreis eines Traktors gewohnt. Aber hey, etwas ganz neues zu machen, was man ausgesprochen nicht kann, soll ja den Horizont erweitern. Sorry, Panda. Und danke!)

- Überhaupt auf einem Hundeplatz gewesen (keiner hat rumgebrüllt, Überraschung!) und Hundesportlern zugesehen. Meinen Respekt für diese Leistung – sowohl als Trainer (muss man dem Hund ja erstmal alles begreiflich machen), als auch den Hunden (der Hammer, was die alles verstehen und dann auch noch MACHEN WOLLEN).
- Cavalettitraining mit Bo begonnen. Muss weiterverfolgt werden.

- Findus vermisst (der beste Hund der Welt brauchte selbstverständlich kein Problemseminar).
- im Hotel beim Frühstück von der Chefin begrüßt werden „Ist alles recht - oder muss ich Tee kochen??“

- Und, vor allem und ausdauernd: Welpen gestreichelt. Senkt auch meinen Blutdruck und lässt meinen Serotoninspiegel steigen. Und bestimmt auch mein Oxytocin. Also ganz klares Plus in meinem Wohlfühlbudget.  Und Kaninchen, fällt mir da gerade ein. Tolles Wochenende.

Samstag, 20. Februar 2016

Reiten als Schule der Menschlichkeit und Empathie

Die Welt brennt.  In meinem eigenen Land gehen Dinge vor sich, zu denen mir nicht viel einfällt.
Und ich, ich gehe einfach zum Reitkurs.

"Trotzdem!",  koennte man sagen. "Du willst wohl so tun, als ginge dich Alles nichts an", könnte man sagen.
Aber ich weiss, dass es mich sehr wohl sehr viel angeht,  was mit der Menschheit und unserer Gesellschaft vor sich geht.  Ich weiss, dass wir alle aufstehen müssen, anpacken, was "positives" auf die Beine stellen, an allen Ecken und Enden der Welt, jeden Tag aufs Neue.
Und hier kommt der Reitkurs ins Spiel. Reitkurs ist nunmal meine Baustelle.
Ich sehe mich ja als Pädagogin, denn ich bilde ja nicht nur "technisch" aus, was man beim reiten so "macht", sondern es geht um viel viel mehr:
Reiten, echtes, "klassisches" Reiten ist eine Schule der Menschlichkeit, der Demut und der Toleranz,  und vor allem auch der Empathie. Das sind doch DIE Eigenschaften, die wir als Gesellschaft brauchen, die wir üben und verstärken sollten.
Will ich ehrlich reiten, muss ich anerkennen,  dass ich ein kleines Licht bin (weil ich bitte bitte sagen muss, damit ein riesen Tier mich trägt und nicht umbringt) und gleichzeitig eine grosse Leuchte (weil alles was ich tue, denke, sage tatsächlich eine unmittelbare Wirkung hat!). Ich übernehme Verantwortung für mich und ein Tier und sein ganzes Leben. Und das ist interessant und schwierig, weil das Tier so ANDERS ist als ich Mensch. Ich muss es verstehen lernen. Verstehen wollen - in seiner Eigenschaft als Pferd prinzipiell,  aber eben auch jedes Pferd in seiner Einzigartigkeit,  seiner Seele.  Ich verbringe also die meiste Zeit damit, das Pferd zu fragen, wie geht es DIR?
Was denkst und fehlst du denn, wenn ich beim reiten jetzt mal dasunddas soundso mache. Ich versetze mich in ein anderes Wesen hinein, um mit ihm kommunizieren und zusammen arbeiten und lernen zu können. Je mehr ich das Pferd berücksichtige, desto besser kann ich reiten!
Ich verstehe es auch laengst nicht immer, und so lerne ich: man muss auch nicht immer alles und jeden gleich verstehen. Trotzdem kann man sich mögen und wertschätzen!
Wer begriffen hat, dass es nicht um Macht geht, bei dem GEHT es auch nicht (mehr) um Macht.
Wer geübt ist, sich Ängsten zu stellen, wer geübt im Mitgefühl ist, wer Respekt vor der Schöpfung hat, wer auf ein anderes Wesen zugehen kann, der bereichert auch jede menschliche Gesellschaft.

Freitag, 22. Januar 2016

Katharina, was ist deine Lieblingspferderasse?

Och, so aus der Pistole geschossen würde ich sagen: die britischen Ponies. Deren Humor find ich echt witzig, und dazu sind sie praktisch veranlagt und sportlich. Wenn mein Sohn später mal so richtig reiten will, bekommt er einen Connemara. Oder ein New Forrest. Bisschen Sportlichkeit muss schon sein, also ich steh ja generell auf Pferde mit ein bisschen „Go“.
Allerdings, so fällt mir gerade ein, kenne ich auch einige hochsensible Kalte. Zum Beispiel einen Tinker, sieht aus wie ein Fass, dabei aber extrem sensibel und fleißig (läuft nicht schnell, aber wie ein Uhrwerk!) und ne ordentliche Portion Meinung dahinter. Find ich immer gut, Meinung!
Aber jetzt zurück zu den Blütern. Als Kind und Jugendliche hatte ich 10 (!) Jahre lang eine Reitbeteiligung an einer Halbblutstute. Unvergessen, was dieses Pferd für mich getan hat. Ab und zu lag ich auch auf der Erde, aber das gehört sich so. Ich galoppiere halt gern. Heute am allerliebsten auf meinem Reitpony, welches ein Welsh-Partbred ist. Der ist unbezahlbar, denn was uns vielleicht an Dressurtalent fehlt, machen wir an Willen wieder wett.
Ähnlich charmant sind natürlich auch die Iberer. Ich kenn da einen, meinen Lieblingsspanier. Der hat so richtig einen an der Waffel, aber ihn reiten zu dürfen ist unvergleichlich, denn er braucht den Boden nicht zu berühren. Fuck off, Schwerkraft! Wenn ich deprimiert bin und setz mich da drauf, höre ich sofort auf, deprimiert zu sein (okay, einerseits, weil man den nicht überlebt, wenn man seine Sinne nicht beieinander hat, aber eben vor allem auch, weil er die Leichtigkeit in Person ist).
So richtig geil finde ich auch Lusitanos. Neulich hab ich mal DEN Lusitano gesehen. Mein Mann musste mir Luft zufächeln, damit ich nicht vom Sitz falle. Der Typ (das Pferd) ist einfach DAS Gerät. Ich hab ihn gegoogelt (ihn natürlich, nicht die Reiterin). Ich selbst hab allerdings keinen richtigen Lusitano. Nachdem mir mal einer ein Stück aus meinem Arm gebissen hat, habe ich mich lieber anderweitig umgesehen.
Generell reizen mich ja besondere Vögel. Habe dann einen PasoIbero gekauft (und ja, ich musste auch erstmal googeln, was das für ne Rasse sein soll) und dieses Pferd habe ich bis heute nicht so richtig durchschaut. Da fehlt wohl noch Entwicklung, meinerseits.
Die normalen deutschen Reitpferde jedoch sind nicht zu verachten! In meiner Jugend hab ich mal welche geritten (Auktionspferde, glaubt mir heute keiner mehr), so richtige Kracher. Der Wahnsinn, was man für eine Schwungbegabung kaufen kann (oder sich dafür bezahlen lassen, dass man den Flieger steuert).
Wenn ich mal alt werde, dann auf jeden Fall mit einem Lipizzaner! Einen Lipizzaner wollt ich schon, nachdem ich in Karlsruhe zum ersten mal auf einem drauf saß. Da dachte ich, einen Lipizzaner lass ich mir zur Hochzeit schenken, wenn ich mal groß bin. Gut – hab ihn mir dann selbst gekauft und war erst groß genug, als ich schon ein Jahr verheiratet war. Aber so oder so ist das Pferd der Knaller. Also, ich dann mal so, weißhaarig und klapprig, passagiere auf meinem alten Schimmel im Feld spazieren, bis wir beide vergessen haben, was das mit dem Dressurreiten jemals gewesen sein soll…
Falls ich mir keinen Lipizzaner mehr leisten kann (ich befürchte Altersarmut, bei meinem Job!), dann nehm ich einen Haflinger. Ich liebe Haflinger! Wenn ich da so draufsitze, und vor mir diese kleinen Ohren und die blonden Haare – das ist Kindheit zum Anfassen. Und ich kenne so affengeile Haflinger, die sich richtig bewegen können und überhaupt. Mit so nem Haflinger könnte ich mir vorstellen, bis nach Mexico zu reiten.
Apropos Mexico! Dasselbe Gefühl hatte ich kürzlich mal bei nem Berittpferd, einem Isländer. Eigentlich hab ich nicht so die Ahnung von Isländern, dieser war bei mir Im Bootcamp gelandet, weil er mit seiner Besitzerin im Gelände unschöne Dinge angezettelt hatte. Ich bin aufgesessen und hab mich sofort gefragt: Wo wartet das Abendteuer, lass uns gehen!
Mein Leben anvertrauen (und das meines Mannes und meines Sohnes) würde ich allerdings nur den Knabstruppern. Wir haben zwei, und die sind der Wahnsinn. Uraltes Blut natürlich, die haben die Welt gesehen und die wären sofort marschfertig, um in den Krieg zu ziehen.

Man braucht halt Nerven, um mit ihnen umzugehen. Aber das ist doch bei jeder Rasse so. Man muss sie verstehen wollen, wie sie sind. Und bloß keinen verbiegen.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Wieviel „Arbeit“ für mein Jungpferd – zwischen Überbeanspruchung und Kaputtschonen

Ich werde häufig gefragt, wann und wie viel man denn mit einem jungen Pferd (ab dreijährig aufwärts) „arbeiten“ sollte. Viele Besitzer meiner (zukünftigen) Ausbildungspferde sind unsicher, wann sie ihr Baby in Beritt geben sollen.

Ich erläutere dieses Thema ausführlich in meinem Buch „Jungpferdeausbildung mit System“ und beschreibe dort, was genau und wieviel und wie oft und wie lange ich so mache. Dennoch erreichen mich zu diesem Thema Nachfragen, deswegen möchte ich in diesem Artikel nochmal etwas „genereller“ zusammenfassen, was der körperlichen und geistigen Entwicklung Ihres Jungpferdes nutzt und was ihm Schaden tut.
Wir beginnen mit den Extremen: Da sind diese (zweieinhalbjährig „angearbeiteten“) Drei- und Viejährigen, die durch Auktionshallen und Materialprüfungen laufen ohne mit der Wimper zu zucken. Und sich dabei in exaltierten Bewegungen auf brettlebenem Viereck oder über mannshohe Oxer beim Freispringen ihre Babyknochen kaputtkloppen. Dass das nicht richtig sein kann, ist in unseren gutinformierten und wohlmeinenden Freizeitreiterkreisen natürlich bekannt. Unsere eigenen geliebten Vierbeiner mit Familienmitglied-Status wollen wir doch bis sie dreißig sind gesunderhalten, mindestens.

Manches Mal resultiert aus diesem Gedankengang aber auch, dass der heißgeliebte Freizeitpartner bis fünf, sechs oder siebenjährig gar nicht arbeitet, sondern sich auf seinem Paddock oder reizarmer Wiese (im schlimmsten Fall in Schrebergartengröße mit einem einzigen Gesellschaftspferd) die Beine in den Bauch steht. Auch davon gehen Pferde definitiv kaputt! Man meint es ja nur gut, aber…. Pferde sind nun mal Lauftiere, und ihr gesamter Organismus ist auf locker 20km tägliches Gehen ausgelegt. Für die Gesundheit ihrer Atemorgane ist es notwendig, diese ab und an auch mal wirklich zu benutzen, und das heißt nicht im Schritt!
Dazu kommt die wünschenswerte Anpassung, die für ein (zukünftiges) REIT-Pferd nun mal unerlässlich ist. Vereinfach gesagt muss man bis zum fünften Lebensjahr das Pferd moderat auf die Belastungen seines späteren Einsatzes vorbereiten. Möchte ich also das, was der typische Freizeitreiter so möchte, wäre das: Auf sinnvolle Weise den Reiter tragen. Über alle möglichen Untergründe laufen (ja, auch Schotter und bergauf), auf dem Reitplatz die Kurven kriegen (am besten in allen Gangarten) und sich über einem Cavaletti nicht die Beine brechen. Auch „nervlich“ ist in unserer dichtbesiedelten Landschaft einiges zu verkraften: Das Jungpferd muss lernen, optische und akustische Reize auszuhalten, die in seiner Natur eher weniger vorgesehen sind. All das bringt Stress mit sich, und dieser Stress ist gut und richtig und wichtig, denn er führt zur Anpassung des Organismus.

Wie finde ich nun die berühmte goldene Mitte?
Zum einen hängt der „Arbeitszwang“ von der Haltung ab.  Wer einen perfekten Paddocktrail mit unterschiedlichen Untergründen und wirklich weiten Wegen zwischen Heu und Wasser hat, dazu Koppeln am Berg mit Waldstück und Bach, sowie eine hinreichend große, aktive Herde mit Pferden aller Altersklassen, der hat ganz leicht reden. Überprüfen Sie mal mittels GPS-Tracker, wieviel Kilometer Ihr Pferd in 24 Stunden macht. Sind das mindestens 15 und das Pferd wirkt dabei fit und fröhlich, dann würde ich persönlich sagen: Dieses Jungpferd muss wirklich nicht gearbeitet werden, der trainiert hinlänglich selbst.

Nur, wer hat diese perfekten, vielfältigen Reize in der Haltung schon? Schauen wir wieder auf das geliebte Pony hinterm Haus, was mit dem älteren Zweitpferd da so vor seiner Heuraufe steht. Dieses Pferd muss eben „gearbeitet“ werden, um gesund zu bleiben und sich gesund zu entwickeln.

WIE GENAU ich die Jungpferde arbeite, habe ich in meinem Buch beschrieben. Die einzelnen Arbeitseinheiten halte ich betont kurz und mache betont „wenig“, aber eben kontinuierlich. Die Faustregel in Anlehnung an die HdV besagt, dass ein dreijähriges Pferd dreimal pro Woche arbeitet (mit IMMER mindestens einem Pausentag zwischen den Einheiten) und ich persönlich schlage als „Arbeit“ vor, das Pferd zu putzen, spazieren zu führen und es ruhig (!) auf dem Reitplatz frei laufen zu lassen und es dort an Trailhindernisse, Regenschirm etc zu gewöhnen. Diese Arbeit sollte sich noch nicht nach „Arbeit“ anfühlen.

Das vierjährige Pferd darf dann viermal pro Woche etwas tun (mit IN DER REGEL einem Pausentag dazwischen. Zweimal am Stück geht auch, dann aber wirklich wenig belasten) und ich würde es dann planmäßig anlongieren, es an den Sattel gewöhnen und weiterhin spazieren gehen, nun auch mal größere Runden und auch über Geländeschwierigkeiten wie kleine Gräben etc. Je nach körperlicher und geistiger Verfassung würde ich das Pferd ebenfalls planmäßig und kontinuierlich an das passive Reitergewicht gewöhnen, jedenfalls aber eben in aufeinander aufbauenden Einheiten und wirklich minutenweise gesteigert.
Das fünfjährige Pferd darf dann fünfmal pro Woche etwas tun (zwei Pausentage sinnvoll zwischen die Arbeitstage verteilt) und dabei würde ich das Pferd nun wie gehabt in kleinen Schritten, aber eben doch kontinuierlich vielseitig reiten und grundausbilden. Nun darf sich das zwischenzeitlich auch schon mal nach leichter „Arbeit“ anfühlen. Bei den Geländeritten soll es manchmal leicht ins Schwitzen kommen. Die „Belastungsart“ ist sinnvoll abzuwechseln, wenn ich zum Beispiel einen Tag längere Trabstrecken in etwas tieferem Sandboden hatte, dann sollte darauf beispielsweise ein Schrittausritt auf hartem Boden folgen.
Das sechsjährige Pferd kann dann bis zu sechs mal pro Woche gearbeitet werden. Dieses Jahr ist das „Jahr der Grundausbildung“ und das bis dato wie beschrieben auftrainierte Freizeitpferd darf und soll in diesem Jahr wirklich was erleben. Von erstem kleinen Wanderritt bis hin zur Kursteilnahme auf externer Anlage ist alles möglich, was Ihnen Spaß macht.
Diese Faustregel passen Sie bitte Ihren Bedingungen an. Beginnen Sie mit einem rohen oder jedenfalls untrainierten "älteren" Pferd, wird dieses dreimal pro Woche gearbeitet, im folgenden Jahr dann viermal und so weiter.
Soweit, so gut. Und wann soll das Pferd denn nun zu mir in Beritt?
Drücken wir es so aus: Wenn Sie es sich leisten können, bitte die ganze Zeit und ich begleite Sie einfach ständig bei allen Ausbildungsetappen. Dann sage ich Ihnen immerzu, warum genau wir wieviel genau arbeiten und wieso wir wann Pausen machen. 

Wenn Ihre Planung und Ihr Budget etwa ein halbes Jahr Beritt bei mir vorsieht, dann würde ich sagen: Bringen Sie das Pferd vierjährig. Dann longieren wir es an und reiten es an.
Eventuell macht es Sinn, ihre veranschlagten sechs Monate zweizuteilen. Vier Monate bis zum Anlongieren/Anreiten , dann nehmen Sie das Pferd erstmal wieder mit nach Hause, lassen das Pferd weiter wachsen und üben einfach alles, bevor sie im nächsten Jahr wiederkommen um weiterzulernen.

Was tun, wenn ihr Pferd vierjährig körperlich gerade so gar nicht nach „reitbar“ aussieht (Wir hatten das unlängst bei einem Araber)? Dann würde ich das Pferd dennoch schonend anlongieren und nebenbei viel Spazieren gehen (ob sie das daheim können oder ob wir das in Form von „Beritt“ hier machen, ist beides gut!) und dann anreiten, wenn es vorne und hinten annähernd gleich hoch ist.
Was ist zu tun, wenn ihr Pferd (älter als vier Jahre) einfach insgesamt babyhaft und wenig bemuskelt ist? Da kann man es doch nicht in Beritt geben? – Doch, uns schon! Wir reiten ja sowieso nicht sofort, sondern trainieren das Pferd an der Longe und mittels Handarbeit auf. Außerdem wird die Fütterung überprüft/angepasst und das Pferd osteopathisch durchgecheckt. „Mehr Pferd“ wird Ihr Pferd nicht vom Rumstehen, sondern während SINNVOLLER ARBEIT.

Mittwoch, 25. November 2015

Meine Bücher....

"Deine Eltern müssen doch unglaublich stolz auf dich sein?! Du hast in deinem Alter schon 5 Bücher veröffentlicht!" wurde ich neulich gefragt.
Bislang hatte ich da noch nicht so sehr drüber nachgedacht, aber ja: Ich bin stolz auf meine Bücher und meine Eltern auch. Nicht dass es sich jetzt um bahnbrechende Doktorarbeiten handeln würde, aber natürlich stehen sie bei meinen Eltern auch ganz vorne im Bücherregal.
Für mich selbst sind sie hauptsächlich Fotoalben und Erinnerungsstücke. Damals, beim Fotoshooting für den Basis-Guide, war ich im fünften Monat schwanger, ungalublich schlecht gelaunt und mir war kotzübel. Die Sonne stand irgendwie schwierig und auf dem Reitplatz der Anlage, wo ich damals noch wohnte, wuchs Gras. Mein Sohn ist auf jedem Foto mitgeritten und das T-Shirt (Größe L!) hab ich immernoch.
Für's Geländebuch haben wir uns dann schon in meiner neuen Heimat Dielsdorf getroffen. Es hat geschüttet wie sau, und dank verspäteter Baugenehmigung bestand die "Reitanlage" aus einem nassen Stück Koppel. Der extra angereiste Django von Astrid Wagner fand die Unterbringung nur so mittelmäßig entspannend. Meine Mutter ist mit meinem Sohn im Kinderwagen hinter uns her gedackelt und in den Pausen habe ich gestillt. Ximeno geht auf den Bildern ja ganz schick, zwischen den Bildern allerdings auch gerne mal auf zwei Beinen.
Für das Losgelassenheitsbuch hatten wir dann endlich unseren lang ersehnten eigenen Reitplatz. Leider noch ohne Begrünung. Aber auch ne echte Box und ein Sofa für die wieder zu Hilfe geeilte Astrid und ihren Zeus. Vergessen werde ich nicht, wie Taranis rausgezerrt wurde, und wir beide dann (auf Kommando "Losgelassenheit JETZT") nicht funktioniert haben - dabei hätte doch mal drei Minuten die Sonne geschienen.
Das Jungpferdebuch war dagegen ein echter Spaziergang. Zum ersten und mit Sicherheit nicht zum letzten mal hat die liebe Maresa die Bilder gemacht und ich hatte als mittlerweile hier etablierte Reitlehrerin eine super Auswahl an geeigneten Pferden und mit Nora und Anna tolle Mitreiter vor Ort. Bei diesem Buch werde ich nie vergessen, wie ich mit Taranis' und Stephanies und Marens Hilfe ganz gewaltig über den Longierteil nachdenken musste.

Nein, meine Bücher heilen leider keinen Krebs. Die Reiterei erfunden habe ich natürlich nicht, nur eben ein weiteres mal ein bisschen "anders als gewöhnlich" für Ottonormalsterbliche erklärt.
Was ich mir wünsche: mit meiner Arbeit ein bisschen glücklich zu machen! Euch zu motivieren zu reiten und zu üben und einfach auf NETTE Weise korrekte Hilfen zu geben und mit Liebe und Ruhe eure Pferde auszubilden.

Ich bin dem Cadmos-Verlag sehr, sehr dankbar. Nicht nur für's Verlegen der Bücher und für die Chance, damit überhaupt meine Stimme erheben zu dürfen. Sondern vor allem für zahlreiche sehr nette Kontakte zu Gleichgesinnten, von und mit denen ich schon viel lernen durfte, zu denen sich mittlerweile Freundschaften entwickelt haben und die mich inspirieren.

Ja, es sind "nur Pferdebücher". Aber ja, sie enthalten mein ganzes Leben.

Heute habe ich den Vertrag für mein nächstes unterzeichnet.

Freitag, 13. November 2015

Pferde machen einen Unterschied

Wo und wer wäre ich heute, hätte ich in meiner Kindheit und Jugend keinen Kontakt zu Pferden gehabt?

Mit Sicherheit weiß ich das natürlich nicht, aber ich möchte es mir auch ungern vorstellen. Pferde und Pferdemenschen und Reiten und Stallarbeit und alles was dazu gehört waren und sind extrem wichtig für meine persönliche Entwicklung.
Den Kontakt zu Pferden möchte ich gerne auch vielen anderen Menschen gönnen. Nun ist ja mein persönliches Tätigkeitsfeld mit Pferden eben nicht die Jugendarbeit oder das therapeutische Reiten und meine Betriebsstrukturen geben das in der Form auch nicht her.

Aber ich habe vor wenigen Wochen den „Therapiehof Leila“, seine Pferde und die dazugehörigen Menschen kennengelernt, die alle zusammen  eine großartige Arbeit leisten! Die Therapiepferde, die Therapeuten und auch der Hof an sich und sein gesamtes Umfeld dort MACHEN EINEN UNTERSCHIED.
Die dort als Therapiepferde eingesetzten Pferde habe ich im Klassische-Dressur-Reitkurs erlebt und bin begeistert: Leuchtende Augen, auch in hohem Alter fitte und bewegungsfreudige Tiere, die einfach gut gelaunt und lebendig sind. Pferde, die ihre Füße und ihre Nerven an Menschen verleihen, die es brauchen können! Dazu herzensgute Menschen, die offensichtlich genau wissen, wie sie die Pferde einsetzen und trainieren. Menschen, die dafür leben, anderen zu helfen, die irgendwie am Rand der Gesellschaft stehen, sei es durch körperliche oder psychische Schwierigkeiten.

Diese Arbeit möchte ich gerne unterstützen und ich möchte all meine Freunde und Bekannte und Verwandten einladen, ebenfalls für dieses Projekt zu spenden.
Das Geld, welches wir überweisen, wird 1:1 in Therapieeinheiten umgesetzt. Ich zum Beispiel finanziere Einheiten für ein Mädchen, das aus sozial ganz schwierigen Verhältnissen kommt und das sich das Reiten aus eigener Kraft nicht leisten könnte, geschweige denn von der Familie unterstützt werde würde. Das Reiten wird in den nächsten Wochen den UNTERSCHIED für das Mädchen machen – und wer weiß, wenn sie will, macht es den Unterschied für ihr ganzes Leben.

Wer mitmachen möchte, sendet mir bitte eine mail an km@andenhofstaetten.de, dann leite ich die Bankverbindung weiter. Der Verein stellt euch auch gerne eine Spendenquittung aus.
www.therapiehof-leila.de